Da war doch was...was ich noch zeigen wollte

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Dienstag, 12. November 2013

Von Goldenen Tempeln und mächtig Nationalgefühl

Nach 2 Tagen auf den Schienen kamen wir am Morgen des 18.10 (huch, auch fast schon wieder einen Monat her) in Amritsar an. Auch das ’spirituelle Zentrum Punjabs’ genannt stand natürlich nach dem Frühstück ein Besuch des Goldenen Tempels, der heiligste Ort der Glaubensbrüder Sikh auf dem Programm. Allein die Buseinfahrt vom Bahnhof zu unserem Hotel war aber schon spannend: Amritsar gehört zu den größeren Städten und auf den Straßen tummelten sich die verschiedensten Menschen, Werbeschilder warben für Cola und Co, unzählige Motorritschken boten den Touristen ihre Dienste an und an jeder Ecke konnte man zwischen Hotels und Restaurants der verschiedenen Preisstufen wählen. Und siehe da, die Schule hat’s sich nicht nehmen lassen und ich bekam, zusammen mit zwei Lehrerinnen und einem kleineren Jungen ein Zweierzimmer in einem ziemlich schicken, keinen Hotel und…Primäre!!...es gab eine warme Dusche, die ich, nach zwei Tagen im Zug, erst einmal voll ausgenutzt habe.

Rikschafahrer auf den Straßen Amritsars

und noch etwas auf den Straßen Amritsars, nur für dich Papa :)

Nach einem schnellen Frühstück im etwas größerem Hotel der Schüler auf der anderen Straßenseite (dort hin zu gelangen war jedoch jedes mal ein Heib und die Lehrerinnen waren es auch nicht gewöhnt mit Schülern zu reisen, was ich leider immer wieder Feststellen musste)ging es auch schon- erst mit dem Bus und dann in Zweierreihen (oder so ähnlich) ins Stadtzentrum zum Goldenen Tempel. Wie man es sich bei einem solch berühmten Ort vorstellen kann waren auch hier die Vorkäufer nicht weit und warfen uns völlig überteuerte, hässliche und qualitativ echt bescheidene Andenkenstücher (zum verdecken der Haare sowohl bei Frau, als auch bei Mann), Portkarten und allen möglichen Kram hinterher. Meine Rolle als Touristin war glücklicherweise, dank meiner Aufsichtspflicht, diesmal eher zweitrangig und die Verkäufer stürzten sich auf die Schüler, die diese herzlich empfingen und fleißig kauften.
Nach ca. 15 Minuten erreichten wir, jetzt schön erschöpft, müde und durstig- die Indische Sonne schien sich besonders anzustrengen- den Eingang des Goldenen Tempels, stopften alle unsere Schuhe in Säcke und marschierten barfuß über Teppiche zum eigentlichen Gebäudekomplex.

Das Heiligtum  wurde im 14 Jahrhundert vom fünften Sikha Guru Arjan Dev erbaut und besteht aus dem berühmten Tempel inmitten eines flachen, quadratischen, künstlichen Sees (bekannt von endlichen Bilder) strahlt -wie der Name schon verrät- von außen in purem Gold und weitern Gebäuden aus weißem Stein und kunstvollen Ornamenten rund um den See. Viele Touristen mit Fotoapparaten und heilige oder wenigstens gläubige Männer mit weißen oder farbigen Tour-bahnen (im allgemeinen hier im Norden vermehrt zu finden) wuselten auf den sehr sauberen, aus hellem Stein bestehenden Flächen rund um das Wasser. Alte Frauen und Geistliche saßen auf dem Boden unter den wunderschönen Rundgängen der Steingebäude und einige badeten sogar im heiligen Wasser. Die Architektur enthält sowohl Elemente der hinduistischen, als auch der islamischen Kultur und der Tempel gilt als einer der geschmackvollsten und schönsten seiner Art. Leider hätte es zu lange gedauert den eigentlichen Tempel  zu besuchen, vor dem man schon vom weiten eine langen Menschenschlange erkennen konnte und der das Original der heiligen Sikhbuches Guru Granth Sahib’ birgt. Stattdessen sind wir entlang des äußersten Gebäudekomplexes geschlendert und habe eine Essensausgabe entdeckt, wo man, in Schälchen aus Blättern servierten, frisch gekochten Reisbrei kaufen konnte. Mit zwei Lehrerinnen habe ich mich natürlich sofort aufgemacht, für wenige Rupees dieses Mahl zu kaufen, welches man dann zur Hälfte sofort wieder den Geistlichen spendet, die es an die Armen verteilen (-doofe Aktion, wir haben die Gruppe verloren und hatten nicht wirklich eine Ahnung was das ganze soll und wo wir genau damit hinmüssen). Als nach einigem hin und her endlich diese gute Tat vollbracht war- auf essen hatte ich dann aber auch nicht mehr wirklich Lust und erklärt hat uns das ganze auch keiner- und wir die Gruppe wieder gefunden hatten, ging es nach einem letzten Gruppenfoto auch schon wieder ins Großstadtgedränge.




einzigartige Architektur der Palastanlage rund um den goldenen Tempel


Direkt nebenan besuchten wir im Anschluss Jallianwala Bagh. Dieser sehr schone, saubere Garten spielt eine entscheidende Bedeutung in Indias Unabhängigkeitsbewegung.
Überall im Park verteilt kann man Statuen von wichtigen Freiheitskämpfern finden und das Jallianwala Bagh Memorial in der Mitte, in der Form der ewigen Flamme der Freiheit ist ein wichtiger Pilgerort für jeden Inder- und in der tat, viele Inder von Unterschiedlichen Regionen posten vor dem riesigen Steindenkmal, lagen unter großen Bäumen auf den Grünflächen oder schlenderten entlang der bunten Blumenbeete. Ziemlich am Eingang befindet sich der berühmte Brunnen (bekannt aus Gandhi-filmen), in den sich am 13 April 1919 friedvolle Freiheitskämpfer aus Angst vor den Briten zu retten versuchten und erschossen worden.

Denkmahl für die vielen Toten
 während der Unabhängigkeitsbewegung

Wer kennt diesen Mann ??

Wie keiner? Daber hat der doch sogar in Münster studiert, was n Zufall ;)

Alte Häuser rund um den Park:
 einzigartig, gemütlich und immer ein wenig heruntergekommen

Nach einer Stärkung zurück im Hotel ging es auch schon weiter: Zur nur 28 Km entfernten Grenze zu Afghanistan und dem allabendlichen Zeremonie ’Beating the Retreat’. Zur berühmten Touristenattraktion geworden- erkennbar an einem riesigen Markt mit Kleidern, Popcornverkäufern, fischen Säften, gegrilltem Mais und Filmen der Zeremonie, werden bei Sonnenuntergang erst auf der pakistanischen Seite und dann auf der indischen Seite in einem ungeheurem Spektakel die Landesfahnen abgenommen.
Nach einem langen Fußmarsch und Gewahrte vor der enormen Menschenmenge am großen Tor auf der Indischen Seite, durften wir schließlich als Schulklasse die indische Tribüne betreten, vorbei an speziellen Foreigner-Sitzen, der Fan-maile und VIP-Plätzen. Viele Mensche mehr oder weniger geschmückt in den indischen Nationalfarben, Soldaten dieses Grenzüberganges und eine Art Einheizer der um alles einen reisen Wirbel veranstaltete, geräuschvoll hin und her marschierte und ohrenbetäubend Schrei. Menschenmassen jubelten und schauten neugierig zu, wie erst die Fahne auf der afghanischen Steinbogen (auf der anderen Seite war der gleiche Kult nochmals zu finden, halt mit afghanischen Touristen) mit lauten Befehlen, streng gekleideten Soldaten und mit straffen Schritt abgenommen und ins Grenzhaus getragen wurde und dann das ganze auf unsere Seite wiederholt wurde. Alle waren aus dem Häuschen, ich beobachtete, staunte und verstand nicht wirklich.
Danach gab es noch einige Fotos mit den Grenzsoldaten und durch Sicherheitskontrollen ging es zurück zum Bus.

"I love my India" - kleiner Junge zwischen der begeisterten Menge

Soldat der Border Security Force (BSF) beim Programm

Festlich wird die Nationalfahne abgenommen- und das jeden Abend


Die Nacht im gemütlichen Hotelbett war kurz, denn um 3 Uhr am nächsten morgen ging es mit dem Bus (und diesmal leider nur einer mir Sitzen) weiter in die nördlichen Teile Indiens. 

Namaste und bis bald mit weiteren Reiseberichten
eure Rebecca

Samstag, 26. Oktober 2013

Reisen auf indisch I oder Wie ich mit dem Chattisgar Express Freundschaft schloss

Meine erste große Reise in Indien ging am 16. dieses Monats in die Berge. Zusammen mit 60 Schülern und einigen Lehrern war es zwar 'nur' eine Educational Tour, aber dazulernen will ich schließlich immer!


Schon früh trafen wir uns im indischen Morgennebel an der Busbahnhof um die Tagestour nach Raipur anzutreten, von dort unser Zug am Abend abfahren sollte. Aber wer sich einfach eine gemütlich Bustour vorstellt- nichts da. Zwar wurde das Gepäck nicht aufs Dach geschnallt (Gott sei dank), aber indisch ging es schon zu. Wir quetschten uns n die zwei bestellten Busse und es war überraschend gemütlich. Den huckeligen und wackelige Weg auf der Hauptstraße vorbei an endlichen kleineren und größeren Dörfern und natürlich wieder einer Menge Wald, verbrachte ich halb liegend, halb sitzend abgefedert von gemütlichen Matratzen, die in zwei Etagen an einer Seite des Busses genügend Platz zum chillen, spielen, spaßen, singen und schlafen boten.



Die meiste Zeit bei Reisen innerhalb Indien, musste ich jedoch bald feststellen, kann man am besten durch ’aus dem Fenster schauen’ und schlummern verbringen- lesen oder richtig unterhalten dank des ewigen Gewackels und der Lautstärke dank der ewigen offenen Tür einfach unmöglich! Mittagessen wurde dank hervorragender Organisation in einem sehr westlichen Ressort (welches nicht das einzige bleiben sollte) eingenommen, dass man u. a. auch für Hochzeiten und andere Partys mieten kann.

Tag 1 und mit bester Laune ins Abenteuer

immer wieder faszinierend: Dschungel soweit das Auge sieht


Am späten Nachmittag änderte sich die Aussicht und wir erreichten den Bahnhof der Staatshauptstadt Raipur. Mit vollen Straßen, Obstverkäufter, riesige Werbeschilder, Hotels und wunderschönem Wetter wurden wir empfangen und sofort ins Bahnhofsgebäude geleitet.
Und wieder wurden die Unterschiede in der Indischen Bevölkerung deutlich: Geschäftsmänner mit gebügelten, frischen Anzügen und Aktentaschen neben gestressten Müttern mit ungewaschenen Kleinkindern an der einen und einem notdürftig geflicktem Beutel mit Notwendigkeiten in der Anderen. Männer schoben Karren voller Obst und überall auf dem Boden boten Verkäufer Kofferschlösser und Schlösser mit langen Ketten an (wessen Bedeutung mir später noch bewusst wurde). Überraschenderweise war der Bahnhof sehr sauber und in dem Schlafraum alias Aufenthaltsraum (hieß aber wirklich sleep- room) schliefen eingepackt in bunte Tücher groß und klein neben ihren Bergen von Koffern, Metallkisten, Stofftaschen, Säcken und einfach zusammen geknoteten Tüchern.
Wir füllten unsere Wasserflaschen an einen der vielen öffentlichen Trinkwasserhähnen auf, schwitzten und passen darauf auf, dass kein Schüler im Trubel der ein- und ausfahrenden Züge verloren geht.
Aus dem Bus ins Städtegetrubel, Raipur
Farbenfroher Tempel direkt neben dem Bahnhof



 Wir warten in der Hitze auf unseren Zug, der uns in die
kühlen Berge bringen soll

 Als der Chattisgarh Express Nr. 18237 (sogar nahezu pünktlich) schließlich  einfuhrt und wir alle, zusammen mir endlichen anderen Passagieren eingestiegen waren, konnte ich die erste dreiviertel Stunde erstmal nur, mit meinem Tramperrucksack auf dem Rücken, eingequetscht zwischen Koffern, aufgeregten Schülern – die aber auf der Stelle neben ihren besten Freunden sitzen wollten- und alten Männern im Turban auf den schmalen, harten Bänken sitzen und abwarten bis sich der Trubel gelegt hatte. Nach und nach fanden alle Schüler den gewünschten Sitzplatz (wir waren über 5 verschiedene Wagons verteilt, was das ganze nicht gerade einfacher machte) und auch wir Lehrer konnten uns langsam entspannen und ich mich in Ruhe umsehen.
Die Wagons waren unterteilt in vielleicht 6 Abteile, wobei in jedem Abteil 8 Mann schlafen konnten. Parallel des schmalen Ganges gab es neben den vergitterten Fenstern zwei Schlaf-liegen übereinander, auf der breiteren Seite bildeten die unteren beiden Liegen ein gemütliches 6er Abteil für tagsüber, in der Nacht wurden neben den Schlafstädten an der eisernen Decke des Zuges noch zusätzlich, mit schmutzigen Kunstleder überzogenen bessere- Bretter auf Kopfhöhe ausgeklappt. An der Deck jedes Abteiles sorgten jeweils drei verstaubte Ventilatoren ergänzend zu den offenen Fenstern für Frischluft (wessen Bedeutung mir in der folgenden Nacht- ich schlief auf der obersten Liege- noch bewusst werden sollte) Im allgemeinen alles etwas beengend, alt, verrostet, schmutzig, quietschend, hart aber OK für eine Erfahrungsnacht- das Problem: wir würden zwei Nächte bis nach Amritsar im norden Indiens brauchen, und die gleichen Weg auch wieder zurück.

Menschen, Koffer, Schuhe, ...alles braucht seinen Platz

meine Schlafstädte, gemütlich nicht? ;)

Aber darüber machte ich mir erst einmal keine Gedanken- fürs Erste war alles ungewohnt, spannend und aufregend. Zusammen mit einer anderen Lehrerin quetschte ich mich zu den 5 Schülern der Klassen 6 bis 9, für die wir die Aufsicht hatten. Wir spielten gegenseitig ausfragen, ich erklärte ’Ich sehe was, was du nicht siehst’, und wir sangen englische, hindi und auch deutsche Lieder und als es schließlich später wurde und die Kinder entweder schön eingerollt in mitgebrachten Baumwollaken schlummerten oder sich (mehr oder weniger leise) Bettfertig machten, hatte ich etwas Zeit durch die schmalen Gänge zu wandern, ’Namaste’s zu verteilen und die Welt des indischen Zufahrens zu bestaunen.

bestens ausgerüstet mit Musik und Decken
lässt sich so ein Zugfahrt schon aushalten

die charmanten Damen im selben Abteil: es wurden Kekse verteilt
und gefragt (natürlich Zeichensprache) ob wir meine Liege
nicht teilen könnten, na, vielleicht nächstes mal ;)

Ein sehr großes Problem ist, wie auch im restlichen Indien, der Müll. Nach dem Abendessen (sehr lecker aus Reis, Dahl, Chapatti und anderen Zutaten aus der Zugküche für alle Schüler bestellt und einzeln in Aluschalen verpackt) wurde, wegen fehlenden Mülleimern im gesamten Zug, der ganze Abfall einfach aus dem Fenster geworfen. Mich hat der Anblick aus dem Fenster schockiert: Vor einer wunderschönen Kulisse aus kleinen Häusern und (wenigstens Anfangs) vor allem weiten Reisfeldern lagen ,über eine Fläche von mehreren Metern verstreut,  Plastiktüten, Chipstüten, Zeitungspapier, Plastikflaschen und sonst alle möglichen Güter täglichen Gebrauchs und an manchen Stellen türmten sich ganze Müllberge neben den Gleisen. Ich verstaute erst einmal meinen Müll (der sich einfach nicht vermeiden lässt bei einer 2 tägigen Zugfahrt) unter dem Sitz und brachte ihn gesammelt an den verschiedenen Stationen raus, die erstaunlicher weise von endlichen Arbeitern sehr sauber gehalten wurden. Nicht gut heißen aber auch nicht verurteilen könnte ich meine Mitreisenden die alles aus dem Fenster warfen, direkt neben die Reisfelder die die Menschen ernähren- aber es gab einfach keine andere Möglichkeit für diese Masse von Abfall.

in der Zugküche wird frisch gekocht- vor allem Tee,
der mit lautem Geklapper alle 5 min am Platz angeboten wurde

 alte Frauen, Kinder, 'Zauberer' und Intersexuelle sammelt Geld und Essen


Nach meiner Entdeckungstour und nachdem ich sämtlichen Schülern eine gute Nacht gewünscht hatte (der halbe Zug schlief schon) , überkam auch mich die Müdigkeit nach dem Trubel und den Anstrengungen des Tages, ich suchte mein Bettlaken und eine dünne Decke aus dem Koffer, der neben einem einfachen Kofferschloss noch zusätzlich mit einer Kette unter der untersten Sitzbank gesichert wurde und machte mich mit meiner Zahnbürste und einer Packung Tempos auf zur Zugtoilette- vorstellbar aus einer Mischung aus deutschem Raststättenklo und den typisch indischen Toiletten mit nur einem Loch im Boden und zwei Hervorhebungen für die Füße links und rechts. Man kann sich vorstellen, das es meine schnellste Katzenwäsche war und Gott sei dank hatte ich noch im letzten Moment meine deutschen Feuchttücher in den Koffer geworfen, die von dieser Reise nicht mehr weg zu denken sind.

Unter der Decke wechselte ich schnell meine Kleidung (und damit war ich so etwa die einzige) und lag dann, einen halben Meter von der Eisendecke entfernt und 3 Meter über dem schmutzigen, von Schuhen voll gestellten Zugboden, unter- natürlich kaputten- verstaubten Ventilatoren auf einer, vielleicht 4 cm dicken, harten Matte, hörte das schnauben des Mannes neben mir durch die dünne Abteilabtrennung, neben meinem Kopf (als ob es nicht schon eng genug wäre) mein Handgepäck sicher verstaut. So sollten wir noch den nächsten Tag und eine weitere Nacht durch die verschiedenen Vegetationen Richtung Himalaja fahren und schließlich schlief auch ich ein, mit lauter Vorfreude auf die kommenden Tage, zwischen Schülern auf ihrer ersten Reise, Müttern mit ihren Säuglingen, grauen Omis und alten Männern in weißen Gewändern.

Namaste und die Fortsetzung folgt bald (versprochen!)
eure reisende Rebecca

Donnerstag, 24. Oktober 2013

100 Tage

Von tausend Erfahrungen die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch dieses bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdient hätte. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.
(Danke Mama, immer wieder)



Einige Fakten

  • Verlorene Stifte: 4
  • Blogeinträge: 20
  • Mückenstiche: mindestens 7400
  • Skyp-minuten: 961
  • Liter Sprite oder andere Süßgetränke: 7
  • Toilettenpapierrollen: 6 (weiß auch nicht warum ich die sammele- vielleicht weil Toilettenpapier hier schrecklich teuer und selten ist)
  • Pakete Zahnpaste: 1,5 (und ich musste nicht einmal meine Marke ändern- Colgate ist hier zwar vergleichsweise teuer aber erhältlich)
  • Deutsche Kuchen:3 mal Apfelkuchen, 1 mal Schokokuchen ;)
  • Indische Kuchen: schon viel zu viele schrecklich süße Sahnekuchen: Wenn ein Schüler Geburtstag hat, kommt es schon einmal vor, dass er mit Kuchen durch alle Klassen geht und Kuchen an die Lehrer verteilt
  • Tage im Sari: 5
  • Ferientage: 11
  • Indische Hochzeiten: 1 (aber bald hoffentlich meine 2.)
  • Ausgaben: 280€
  • Neue Kleidungsstücke: 5 Suits (bestehend aus Hose, Lange Bluse und Schal), 2 Saries, 1 Oberteil, 1 Strickjacke, 1 Paar Socken, 1 Schal, 2 Paar Flip Flops
  • Schlaflose Nächte: 4
  • Kg Äpfel:…bin hat doch Deutsche, obwohl ich hier eigentlich mehr Bananen essen sollte
  • Tiefpunkte: 3
  • Hochpunkte: unzählbar
  • Hände geschüttelt: soviel kann ich sagen- darin bin ich jetzt bestimme Meister
  • Angelächelt worden: 100000000000000000000000000000000000000
  • Lächeln verteilt: das ist eines der wenigen Dinge, die ich den Leuten hier geben kann…
  • Gupshup gegessen: Gupshup bekommt man an jeder Straßenecke für 10 Rupees (ca. 17 ct), es besteht aus einer dünnen Teigbällchen gefüllt mit Kartoffel- Bohnenmasse, verschiedenen Soßen und auf Wunsch Zwiebel- einfach unglaublich lecker!
  • Verkehrsmittel: Auto, Jeep, Motorritschka (auto), Skooter, Flugzeug, Motorrad, Bus, Zug
  • „Good morning, mam“:täglich ca. 50
  • Blogleser: in 10 Ländern (wundert mich ein bisschen- warum liest ein Ukrainer einen Deutsch-Indischen Blog?)
  • Liebe Mails: 75
  • Tee: bestimmt 400 kleine Tassen :O
  • Indische Feste: Friendship Day, Id-ul-Fitr, Independence day, Raksha Bandhan, Janamashtami, Teachers day, Bishops Weihe, Gandis Geburtstag, Dashera, Vijay Dashimi, Bahar Rani, Geburtstag von Direktor
  • Verschiedene Dörfer: Viele- aber lange noch nicht genug!
  • Hindiwörter gelernt: 134
  • Verschiedene Schlafstädte: 4
  • Tonnen Reis: 2mal täglich- da könnt ihr mal selber rechnen
  • Neue Handykontakte: 27 (sogar von meinem Lieblingsobsthändler, nur falls ich mal irgendein Problem habe J)
  • Kinobesuche: 2




Und an dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei all meinen Bloglesern bedanken. Ihr gebt mir immer wieder Kraft und Mut weiter zu machen und ich hoffe, ich kann ein kleines bisschen von meiner Faszination für diesen fremden Ort auf euch übertragen. Danke!

Montag, 30. September 2013

Vom Dschungel, Hähnen und leckeren Fröschen

Indien ist DAS Land der Gegensätze: Wenn ich behaupte, ich lebe hier in einer großen Stadt ist das wirklich gelogen- für indische Verhältnisse ist Jagdalpur gerade mal eine Kleinstadt, aber die Tatasche das sie mitten im Dschungel liegt lässt sie deutlich an hervorstechen. Von dem genauen Gegenteil- dem indischen Dorf- durfte ich mit ein Bild machen:

Pünktlich (oder wenigstens fast) brechen wir nach der Schule auf um in das Heimatdorf von Vater Theo (Verbindungsquelle zwischen Fahrgemeinde St. Nikomedes und Indien) zu besuchen. Zwei Tage soll der Trip dauern von dem ich auch erst in letzter Minute erfahren habe, und weit hinaus- wenigstens gedanklich gesehen- soll es gehen.
Das erste Stückchen der 90 km langen Strecke brausen wir mit dem geliehenen Jeep samt Fahrer über die recht guten Nationalen Highway, in einen kleinen Städtchen das wir durchfahren decken wir uns mit kalten Getränken und indischem Knabberzeug ein und immer wieder tauchen kleine bis riesige Baustellen und halbfertige Schulkomplexe auf. Nach etwa 40 Minuten ändern sich jedoch die Straßenverhältnisse rapide und ich verstehe warum wir den Jeep genommen haben: Die Straße ist von riesigen Pfützen unterbrochen, die sich nach der langen Monsumzeit in den Löchern des Straßenbelages gebildet haben, immer wieder hört die geteerte Straße schlagartig auf und wir müssen uns unseren Weg durch Schlammberge bahnen. Und wir haben Glück- einige entgegenkommende Mofa und Fahrräder haben es sichtlich schlechter getroffen wenn ich sehe, wie das Schlammwasser zu beiden Seiten bis ans Dach des Jeeps spritzt.
Und auch die Aussicht verändert sich: Die Dörfer und Reisfeldern weichen nun dichtem Wald und als ich frage wie dieser Wald genannt wird bekomme ich die Antwort: Jungle- das Wort stemmt sogar aus der Sprache Hindi und wurde irgendwann ins englische übernommen. (Danach muss ich die ganze an das Mogli und das Dschungelbuch denken) Ich erfahre das wir kurz Rast auf einer Farm machen, die von zwei Vätern betrieben wird, bevor wir das letzte Stück zum Dorf und der, von der Pfarrgemeinde St. Nikomedes unterstützten Schule zurücklegen. Weiterhin erfahre ich das in der Nähe dieser Farm noch vor einer Woche in der Abenddämmerung ein Tiger am Straßenrand gesichtet wurde- der allerdings die Lichtkegel des Autos wohl nicht besonders mochte- wahnsinnig, aber ich bin trotzdem froh das wir jetzt, da gerade die Dämmerung hereinbricht uns wieder auf den Weg machen.




Das letzte Stück werden wir noch einmal kräftig durchgeschüttelt, aber ich genieße- mich am Haltegriff festklammernd- die fantastische Aussicht: Die Sonne strahl mit ihrer letzen Kraft tief am Horizont vor uns, Schulkinder mit ihren Uniformen der staatlichen Schulen spielen auf den freien Flächen der kleinen Dorfern, die sich immer wieder zwischen den Bäumen auftun, kleine Bäche finden ihren weg durch den roten Boden und Männer mit nicht viel mehr als einem Tuch um die Hüften waschen sich an den öffentlichen Wasserhähnen am Straßenrand. Zwischendurch kommt uns ein großen, kunstvoll angemalter Lastwagen entgegen, beladen mit Steinen, Hühnern oder sonst was. Das letzte Stück zur Farm von Theos Eltern müssen wir laufen, nachdem wir den Jeep einfach mitten auf einen kleinen Feldweg abgestellt haben.


Es ist wahnsinnig spannend in der Dämmerung durch hohes Graß irgendwo in Mittelindien zu stapfen, um mich herum wieder Reisfelder und Viehweiden, nicht zu wissen was man gleich zu sehen bekommt und wo man die Nacht verbringen wird. Nach ca. 300 Metern erreichen wir einen kleines Tor, dahinter ein Lehmbedeckter Platz unter einem großen Baum. Zu zwei Seiten stehen Lehmhütten mit bunten Vorhängen vor den Türöffnungen, ein hölzerner, mit Stroh gefüllter Unterstellplatz für Kühe (inc. Kühe) bildet einen gemütlichen Innenhof. Eine junge Frau mit einen kleinen Kind auf dem Arm kommt aus einer der Hütten, dahinter eine ältere frau- Theos Mutter. Total herzlich werden wir begrüßt und ich kann meine Begrüßungsformeln: Hallo, mein Name ist Rebecca. Wie geht es dir? Ich unterrichte an der Schule. Zum Besten geben und ernte damit verschmitzte Blicke. Auch Theos Vater ist gekommen- in Shirt und einem Baumwolltuch und die Hüften bringt er einige Plastikstühle und einen kleinen Plastiktisch und stellt ihn in die Mitte unter den alten Baum. Ein perfekter Frühstücksplatz, denke ich, für Ferien auf einer indischen Farm und bemerke, dass ich das erste Mal seit zwei Monaten einen Platz im Freien angeboten bekomme. Leider bin ich mit meinem Hindi jetzt schon am Ende und so muss mir Vater Santhos alles Übersetzen, bis  Theos Bruder, ein Lehrer von der benachbarten Schule, in Jeans und Pulli kommt und sich zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn stellt.
Leider müssen wir schon wieder weiter und so verabschiede ich mich nach einer Tasse Tee von dieser wirklich netten kleinen Familie.


Zum Abendessen fahren wir im Stockdüsteren ein Stückchen weiter zu einem Hostel für Jungen, das neben der genannten Schule liegt. Ca. 40 Jungen im Alter von 5 bis 15 Jahren werden von 3 Vätern, einem Bruder und einigen Köchinnen betreut und Verpflegt. Noch sitzen alle auf dem Boden oder auf Stühlen und Pritschen zur abendlichen Studdyzeit und ich gehe in der Küche schauen ob ich irgendetwas helfen kann. Ich staune nicht schlecht über die riesige, mit Gas betriebene Kochstelle, an der Vater Thomas gerade (extra und ausschließlich für uns)im halbdunklen  Hähnchen frittiert und auch die anschließende Vorradskammer mit einem riesigen Sack voll Zwiebeln und allerlei weiterem Gemüse beeindruckt mich mächtig. Ich übe mich, nachdem ich Angst hatte beim Frittieren dieser besonderen Farmhühner wegen den Schlechten Lichtverhältnissen etwas falsch zu machen (es war einfach nur stockdüster in der Ecke), unter den strengen Blicken und dem Grinsen der Küchenmädchen im Chapatti- machen.
Danach folgt eine halbe Stunde Gebetszeit für die Jungs und ich lausche, am Türrahmen stehend, zuerst dem andächtigen Gesang der auf dem Boden sitzenden Jungen und anschließend von Trommeln begleitet rhythmischen Versen in dem kleinen Kirchenraum des Hostles. Nach dem Essen wundere ich mich, als die Jungen, einer nach dem Anderen mit einem „Good night mam“ wieder im Studdyzimmer verschwinden und mir wird erklärt, das nach dem Abendessen von halb neun bis neun noch mal gearbeitet wird, bevor es dann zu Bett geht (ganz schön Diszipliniert, diese Inder).
Danach geht es zum letzten Ziel und Schlaffstätte für diese Nacht: ein weiteres Hostel auf der anderen Seite des Dorfes. Als der Jeep im dunklen durch ein Tor fährt, irgendwann stehen bleibt, und ich meine kleine Tasche, hauptsächlich gefüllt mit Zahnbürste und Mückenspray nahm, stehen wir erst einmal ein bisschen blöd in der Gegend rum: keiner da, wo soll ich hin? Und was erwartet mich? Ein Zimmer zusammen mit dem Vater, mit Schwestern? Hoffentlich gibt es ein Moskitonetz! Ich habe keine Ahnung!
Aber es kommt ganz wunderbar: Zwei Schwestern holen mich ab, die ein kleines Haus neben dem Hostel bewohnen, die Väter schlafen woanders. Das Haus ist ziemlich schön, in der Mitte gibt es einen kleinen, bewachsenen Innenhof, drum herum führt überdachter Rundgang von dem die Zimmer abgehen. Mein Zimmer gehört irgendeiner Schwester, die im Moment nicht da ist und das Bad ist auf dem Flur. Vor dem Zubettgehen rede ich noch ein wenig mit den Schwestern: die eine ist Krankenschwester, war für einige Zeit in Deutschland und kann deswegen ziemlich gut deutsch, die andere arbeitet in der Schule die wir uns morgen noch etwas genauer ansehen werden.
 
Ich glaube ich mache mir zur Gewohnheit alle meine Zimmer dieses Jahr zu fotografieren.
Hier die Variante: gemütliches, kleines Farmzimmer, inc. Taschenlampe
 für den Weg aufs Klo, Moskitonetz im Gesicht und wunderbare Träume

Nach einer durchwachsenden Nacht (ein Hundezwinger ist neben meinem Fenster, ein Baby im Nachbarhaus wollte wohl nicht schlafen, das Umdrehen im Bett war mit Vorsicht zu genießen und der Hahn um halb 4 hatte das restliche getan) stehe ich dennoch am nächsten Morgen- nachdem ich ein wenig den Gesängen der Schwestern in der hauseigenen Kapelle gelauscht hatte und ratsächlich noch einmal eingeschlafen war- um 6 Uhr voller Tatendrang und Vorfreude auf den Tag auf und finde, nach einigen verdutzten und verständnislosen Blicken der Köchin, die Schwestern, die Väter und ein Haufen Jungen und Mädchen in einer kleinen Kirche neben dem Hauptplatz. Die morgendliche messe wird diesmal von vier anstatt von 2 Vätern gehalten und die Jungen und Mädchen- ordentlich in Reihen, links die Jungen, rechts die Mädchen- singen laut die Kirchenlieder auf Hindi mit.
Nach dem Gottesdienst (um 7 Uhr wohlgemerkt!!) gibt es eine kleine Vorstellungsrunde und Begrüßungslieder. Alle Kinder haben (indem sie wahrscheinlich den gesamten Garten ausgerupft haben) einige Wildblumen für mich, die sie mir- einer nach dem anderen überreichen- als Gegenzug gibt es eine Runde Süßigkeiten. Als ich zusammen mit den Vätern zu einen weiteren Gebäude zum Frühstück laufe sehe ich alle Jungen den Platz vor ihrem Haus mit- aus Steckern improvisierten Besen- die Blätter zusammenkehren. Die Kinder gehen auf eine Hindi- Medium- School und haben zu 90 % ihre Eltern noch, diese leben nur einfach in den Dörfern zerstreut zu weit weg, sodass die Kinder ab dem Kindergarten im Hostel leben.
Ganz schön beeindrucken wie die kleinen Jungen schon am frühen morgen nach der einstündigen Messe erst noch ihren Hof fegen, bevor es dann zum gemeinschaftlichen Frühstück nach draußen unter die Bäume geht!

Nach meinen eigenen Frühstück, das sogar aus Weißbrot und Marmelade besteht (Warum auch immer alle denke, sie müssten extra für den deutschen Gast von ihren gewöhnlichen Essgewohnheiten abweichen- ich bin echt ein Fan des indischem Essens geworden!) bekomme ich eine kleine Führung durch die benachbarte Schule. Der Unterricht fängt um 9 Uhr an und pünktlich ertönt aus den Lautsprechern die indische Nationalhymne gefolgt von der Stimme einer 8 Klässlerin, die das Gelübde vorließt, das alle Schüler mit vorgestrecktem Arm nachsprechen. Die Schule besteht aus 9 Klassen: vom Kindergarten bis zur 8. Klasse und würde mitfinanziert von der Pfarrgemeinde St. Nikomedes. Daran erinnert eine Tafel am Eingang die, da auf Deutsch, ich erst einmal für die doch ziemlich interessierten Schüler übersetzt habe. Die meisten Schüler der unterschiedlich großen Klassen (in der Klasse 8 sind nur 16 Schülerinnen und Schüler- ein Traum für jeden Lehrer) wohnen im Hostel, da ihr Elternhaus in Dörfern zu weit von der Schule weg ist, die meisten Eltern keine Chance haben ihre Kinder morgens zur Schule zu fahren und auch die Verkehrswege nicht gerade optimal sind, einige kommen aber auch aus den direkt anliegenden Dörfern. Das einige Klassen nur so klein sind zeigt ein großes Problem der Privaten Schulen in dieser Gegend: Trotz einer Schulgebühr von gerade mal 300 ₨ (das sind nicht mal 5 Euro) sind die Eltern- meist Farmer- zu arm um diese zu bezahlen oder sehen es nicht ein, wenn es auch die Möglichkeit gibt ihre Kinder auf eine kostenlose Staatliche Schule zu schicken (die aber leider nicht die nötige Bildung geben kann, wie mir ein Vater erklärt). Bei der Besichtigung  einiger Klassen kann ich mir ein Bild von der Disziplin und Qualität des Unterrichts machen. Die Schüler erklären mir ihr aktuelles Thema, stellen Fragen zu meiner reise und meiner Heimat Deutschland- die ich so gut es geht zu beantworten versuche (kann mir mal bitte eine das nationale Wassertier Deutschlands nennen). Es ist echt ein schöner Besuch der mir klar macht, dass ich dieses Jahr unbedingt noch einige Zeit in ländlicher Gegend arbeiten möchte!


Auf dem Rückweg machen wir Mittagspause auf der Farm, die wir am Vortag schon einmal kurz gesehen haben. Zur Farm gehören ein Maschinenhäuschen, eine kleine Bananenplantage, ein künstlich angelegten Fischsee, einige andere Nutzpflanzen, einige Hühner und Ziegen, weite Reisfelder und eine kleine Arztpraxis in der ein Vater kostenlos (nur die bestellten Medikamente müssen bezahlt werden) die Dorfbewohner behandelt. Bei dem Gang durch die Bananenbäume sahen wir plötzlich einen Frosch in den anliegenden Teich springen. Vater Santhos drehte sich zu mir um und fragte ganz unvermittelt: „Do you like frog?“ Ah, keine Ahnung antwortete ich, ich habe noch nie welchen probiert, würde es aber auch nicht abschlagen wenn man mir welchen anbietet, ganz nach meinem Motto, dass ich dieses Jahr alles mindestens einmal probiere. Darum fragte ich die Gleiche frage zurück und bekam ein zustimmendes Nicken und die Antwort, dass unsere Köchin Sita erst gestern Mittag Frosch zubereitet hatte. Oh, das wusste ich nicht, (zwar, viel mir ein, hatte ich gestern auswärts gegessen) aber seitdem frage ich bei jedem Fleischgericht auf dem Tisch lieber zweimal nach!

Namaste und liebe Grüße von ,der immer wieder staunenden

Rebecca

Montag, 16. September 2013

Augenblicke

UND IN IHRER WUNDERVOLLEN LAUTLOSIGKEIT LIEGT IHR BESONDERER ADEL
(Danke Mama)

…und die Blätter über mit spenden den wohltuenden Schatten, werfen bewegende Bilder vor mir aufs Papier und lassen das strahlende Blau des Himmels noch kraftvoller erscheinen, leise raschelnd und wiegen sich hin und her in der warmen Sommerbrise. Die Bank hinter dem Basketballfeld ist bequem- aus Beton und steht so, das mein Blick geradewegs vorbei durch den Schulkomplex hindurch auf das Tor gelenkt wird. Dahinter, mehr Wissen als Sehen, die fantastische Welt aus kleinen, flachdachigen, unverputzten Häusern im Sonnenstrahl- bunte Tücher flattern zum trocknen auf Leinen kreuz und quer der Gassen und die Frauen sitzen mit ihren Nachbarinnen redend draußen im Schatten der Häuser und schauen ihrer Wäsche beim trocknen zu. Einige Häuser weiter wird noch gewaschen- klares Wasser aus den Wasserhähnen überall an den Straßenecken wird zu Seifenwasser und fließt die Straße entlang, das Schrubben von Stoff auf Stein. Holperige Gassen lassen das Brummen der unzähligen Skooter mal lauter, mal näher leiser erscheinen, kleine Läden zu bei Seiten- die neue Lieferung an Stiften, Zahnpaste oder Süßigkeiten wird unter andauerndem Gebrabbel in den tiefen der Theke verstaut.
Neben mir tanzen zwei schwarz-besprenkelte Schmetterlinge im Sonnenbild, eine Fliege summt um meinen Kopf. Hupen sind durch die massiven Mauern der Schule hindurch zu hören, hinter mir im Collage-komplex ein Chor, aus den offenen Fenstern dringen Kinderstimmen der 4 bis 7 jährigen und immer wieder die mahnenden Worte der Lehrerin. Das leise Bellen eines Hundes in der Ferne und der Anlasser eines Motorrades können nicht das Vogelgezwitscher über mir im Baum und aus den offenen Schulkorridor
unterbrechen. Studenten lachen, spaßen und reden aufgebracht miteinander. Der kurze schrille Ton der Schulglocke ertönt, gefolgt von erneutem Stimmengewirr- dieses mal tiefere Stimmen der älteren Schüler, Stühlegeschiebe. Lineale schlagen auf die Tische und immer wieder erhebt die Lehrerin ihre Stimme.
All das stört die Grüppchen aus drei oder mehreren Studenten bestehend nicht, die es sich auf dem Rasen oder den Stufen vor dem Collage bequem gemacht haben nicht. Einige schlendern, ins ruhige Gespräche vertieft Richtung Kiosk um sich Samosa oder Kekse zu kaufen. Neben mir auf der Bank hat es dich ein Student im Schneidersitz gemütlich gemacht und spricht leise aber dringlich in sein Handy.
So viele Welten in einem Campus vereint: Die Busfahrer, die bis eben noch emsig damit beschäftigt waren die gelben Schulbusse mit Wasserschläuchen zu bearbeiten, da satte Geräusch von einem Wasserstrahl der auf Metal trifft, haben sich nun in die Busse für ein kleinen Nickerchen in der letzten stunde zurück gezogen


Und ich lausch der Welt, höre das Ratschen des Bleistifts auf Papier und schließe die Augen ein letztes mal- will alles aufsaugen, bevor ich mich gleich wieder in den indischen Schulalltag hineinstürze. 

Donnerstag, 12. September 2013

Happy Teachersday

Nun auch schon wieder einige Tage her, aber trotzdem erwähnenswert:
In Pole am  15 Oktober, in Mexiko am 15 Mai und in Indien am 5. September gefeiert- der Teachersday. Sehr angenehm, wenigstens für Lehrer- wo bleibt Deutschland mal wieder?

Die morgendliche Versammlung auf dem Schulhof wurde ausnahmsweise von Mittwoch auf Donnerstag verschoben- Unterschied: nicht die Lehrer waren für die Ordnung verantwortlich und die Schüler fürs Programm. Am Teachersday wird alles Umgedreht und der Lehrer gefeiert und geehrt. Schon am Vortag hatten die Lehrer die Nationalhymne geprobt (Sry, aber bei den Schülern klingt sie eindeutig besser), ein keinen Theaterstück einstudiert und geübt die Morgendlichen nachrichten vorzutragen. So standen nun also (fast)pünktlich um 7.50 alle Schüler in Reih und Glied in der brühenden Morgensonne auf dem Schulhof, die Schüler der Klasse 12 (ausnahmsweise und aus gegebenen Anlass) in Zivilkleidung vor jeder Reihe und sollten für Ruhe sorgen und die Lehrer auf der Bühne.
Nicht einfach der Job- auch wenn die Kinder echt süß aussehen:
aber zwischendurch mussten die Lehrer doch eingreifen
also so schlimm wie in dieser Szene dargestellt
sind die Schüler dann auch wieder nicht!

Nach der Versammlung hieß es für die Lehrer relaxen und Tee trinken (was auch sonst in Indien- wahlweise Chai mit Milch oder Blacktea) und für die Schüler der klasse 12 fing die Arbeit erst richtig an: In die Verschiedenen Klassen verteilt und mit Material ausgestattet war es nun an ihnen den Schülern das nachzubringen, wofür die Lehrer jeden Morgen aufstehen. Und wie aus allen hier an der Schule wurde auch aus dem Unterrichten eine Competition gemacht und einige Lehrer gingen mit Klemmbrettern durch die Flure und bewerteten jede Unterrichtsstunde  auf verschiedene Kriterien. – Und ich genoss die freie Zeit, trank Tee und schmuggelte mich für einige Zeit hinten in die Klassenräume.


Schon um 11.30 war allerdings schon Schluss mit dem Spaß und für die Klassen 1 bis 10 war der besondere Schultag zu Ende. Die Schüler der Klasse 12 hatten zusammen mit der Stufe 11 alle Lehrer offiziell Eingeladen (mit sehr schöner- typisch kitschiger Einladungskarte an respected Rebecca mam) einer ’kleinen’ Programm beizustehen.
Bereits als ich das Gebäude erreichte indem die Versammlung stattfinden sollte sah ich welche Arbeit sich die Schüler gemacht hatten: Vor dem Eingang war ein wunderschönes Bodenbild aus Farbpigmenten und Blütenblättern. Links und rechts der Treppe zum Konferenzraum standen Schüler Spalier und bewarfen uns mit Blütenblättern und als wir oben ankamen wurden wir mit Kerzen empfangen, jeder Lehrer bekam einen Bindi (Punkt auf der Stirn zwischen den Augenbraun) zuerst mit roten Farbpigmenten und dann mit einigen Reiskörnen, all das begleitet von Applaus- schon ein komisches Gefühl nur weil man Unterrichtet solche Ehre und Aufmerksamkeit entgegengebracht zu bekommen.
Als alle Lehrerinnen und Lehrer mit ihren schönsten und neusten Saris und Anzügen endlich saßen begannen die Schüler mit ihrem Programm, bestehend aus Lobeshymnen, Reden einem kleinen Theaterstück und einen sehr schönen Mix aus indischen und modernen Tanz (ich weiß schon warum ich Musik und Tanz sooo liebe). In einen vorbereiteten Spiel mussten einige ausgeloste (ja, auch ich hatte das Glück) Spieler so viele Kerzen wie möglichst in einer Minute anzünden- leider nur Mittelfeld, aber bei diesem indischen Kampfgeist…
Zum Schluss gab es für jeden Lehrer ein kleines Geschenk und eine tosenden Applaus seitens der Beschenkten für diese wirklich gelungene Programm.
Zur Begrüßung: Bringt Glück und Segnet
-ganz gleich welche Religion- einfach indisch!

Auch wenn ich den dazugehörigen text (leider auf Hindi)
nicht verstehen konnte: ziemlich bild-gewallte Vorstellung die die
 unterschiedlichen Fassetten Indiens zeigt


Aber damit noch nicht genug: als die Schüler den Raum verließen kam der Direktor ein weiteres Mal zum Rednerpult und begann eine sehr gute Rede was man aus diesem besonderen Tag mitnehmen sollte. Die drei Hauptaspekte haben mich echt überzeugt und spiegeln auch ein Stück Ideologie dieser Schule wieder:

  1. Hüte deine Zunge, pass auf was du sagst und vor allem wie du es sagst
Ein wenig aus dem Kontext genommen spiegelt dieser Aspekt im Moment ziemlich gut meine Gedanken wieder. Obwohl die zweite Amtsprache Indiens English ist und in der Schule der Unterricht ausschließlich auf English stattfindet, ist die Muttersprache der meisten Lehrer dennoch Hindi, und in seiner Muttersprache spricht man bekanntlich am liebsten. In den Pausen wird im Lehrerzimmer demnach überwiegend Hindi gesprochen und ich verstehe (trotz privaten Hindistunden ab und zu) so gut wie gar nichts. Natürlich wird mit mir persönlich immer English geredet aber in der Gruppe- in die ich herzlich aufgenommen wurde- wird untereinander Hindi geredet. Um nicht immer nur daneben stehen zu müssen habe ich mit einigen Lehrern gesprochen- ich mochte mich gerne auch in der Gruppe mit ihnen unterhalten können, alltägliche Probleme verstehen oder einfach nur Quatsch mache. Sie geben sich echt Mühe, aber immer wieder wird vergessen, dass einfach sonst gar nichts verstehen kann. Ich habe in den letzen drei Monaten Menschen gefunden die ich echt gerne habe, Freunde auf Indisch- aber Freunde möchte ich auch gerne verstehen!

  1. Gehe eine extra Maile
Eine super schöne Eigenschaft des Direktors und dieser Schule im allgemeinen ist, dass sie sich (trotz der großen Anzahl- wir haben ca. 3000 Schüler) sehr gut um jeden einzelnen Schüler kümmert und ihn und seine Probleme ernst nimmt. Schon öfter habe ich zusammen mit dem Direktor Lehrer und ihre Familien besucht, am Geburtstag des Direktors hatte jeder einzelne Schüler die Chance gehabt persönlich zu gratulieren, immer wieder werde ich überrascht, dass der Direktor so viele Namen seinen Schüler kennt und die letzte Woche sind wir zu einige Schülern der 12 Klasse gefahren, haben sie in ihrer Wohnung, ihrer persönlichen Umstanden besucht, mit dem Eltern geredet, die häusliche Situation gesehen und Vater Santhos hatte für jegliche Probleme- und seinen es Fragen zur mögliche Schulbildung des Bruders- ein offenes Ohr. Oft werde ich überrascht wie gut das Verhältnis zwischen den Kollegen untereinander, zur Schulleitung und zu den Schülern und ihren Familien ist. Der Direktor hat den Lehrern nah gelegt sich zeit für ihre Schüler zu nehmen, sozial schwache und arme Schüler zuhause zu besuchen mit den Eltern zu reden und sie von der Wichtigkeit von Bildung zu überzeugen (die hier längst nicht in jeder Familie vorhanden ist wie ich leider jeden Tag wieder feststellen muss)

  1. Wenn durch unsere Arbeit Schüler sich verbessern, dann haben wir Erfolg
Oft werden im Schulsystem die bereits Erfolgreichen Schüler gefördert und der Rest bleibt auf der Strecke, sowohl in Deutschland als auch hier in Indien. Gerade bei einer Klassengröße von bis zu 50 Schülern wird oft nicht gemerkt, wenn ein Schüler nicht im Stoff mitkommt- sei es, weil er einen Teilaspekt nicht verstanden hat, seine Notizen nicht vollständig sind, er einfach langsam Arbeitet oder er die Sprache nicht richtig beherrscht. Leider muss ich, wenn ich durch die Reihen gehe, immer wieder feststellen wie groß die Wissen- und Könnensunterschiede zwischen den einzelnen Schülern sind.  Dieser Leitspruch spornt an, schwachen Schülern zu helfen sich zu verbessern auch wenn es einfacher klingt, die Starken weiter zu fördern. Keiner soll auf der Strecke beleiben, jeder eine Chance bekommen, dafür bin ich hier, Tag für Tag.

Nach diesem Input und noch einigen Worte mehr wurde vom Direktor das Essen geordert und Tabletts mit Reis, Daal (halbflüssiger Mix aus verschiedensten Gemüsesorten- ein absolutes Muss in dieser Gegend von Indien) und Brot -das erste mal seit Wochen richtiges Weißbrot, wurden rumgereicht. Was für ein Aufwand, jedes mal für das gesamte Kollegium Essen zu ordern, aber in Indien  sehr üblich und auf jedenfalls lohnenswert: Am Ende der Schultages ging jeder Lehrer mit vollem Bauch, Geschenken (auch die Schulleitung hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und für jeden gab es ein Frühstücksset mit hier oft gesehenen, aus drei kleinen Metalldosen bestehenden Henkelman ) und neuen Vorsätzen für die Zukunft nach Hause.
-Ein echt schöner Tag, ein schöner Gedanke auch mal die Lehrer zu feiern und zu ehren und auf jeden Fall eine Idee wert diesen Tag auch in Deutschland einzuführen!

Namaste und bis bald aus dem feier- freudigen Indien
Eure Rebecca


Dienstag, 27. August 2013

Streifzug

Heute habe ich mich endlich mal gewagt und habe die Stadt erkundet- alleine!! Nachdem ich es gestern zu Fuß bis zur größeren Straße geschafft habe zum apfelkauf (und zwar mit Erfolg), ging es dann heute einfach mal auf ins indische groß-Kleinstadtgedrängel:



...und an den kleinen Läden wurde ich 
herzlich willkommen geheißen

neben den zahlreichen Motorritschken trifft man
 immer noch Männer mit starken Beinen

Sandwich auf indisch- das hat mich einfach angelächelt
- sehr lecker, wenn auch scharf

Morgen ist das Hindu-festival Shri Krishna Jayanti 
(Geburtstag des gleichnamigen Lords)
- heute deckt man sich reichlich mit handgemachten Opfergaben ein!

...und auch die geräuschvolle Prozedur folgte
 (Freude wird bei Indern durch laute Knallkörper ausgedrückt

- und ich stand plötzlich mittendrin )

Bitte einmal lächeln- das geht sogar ganz ohne Worte
indische Süßigkeiten- sehen zwar lecker aus- schmecken aber
 ganz abscheulich süß(das einzige Essen was ich
 von vorne hinein ablehne, sorry Leute)

neben allerlei vegetarischen Sonderheiten

... auch eine Menge frische (oder getrocknete) Tiere



mit der Ritschka (und das ohne Hindi- Kenntnisse) 
ging es nach einigen Umwegen zurück zur Schule
Der junge Fahrer wollte aus lauter Ehre- wie er

 betonte- kein Geld, oder vielleicht waren ihm die 
ganzen Sackgassen auch nur peinlich...


Das war eine aufregende, sehr spannende, lehrreiche und total überfälliger Tour durch Jagdalpur. 
An seinen Aufgaben wächst man- heißt es. Na dann bin ich aber heut ganz schön in die Hohe geschossen!

Bis bald und Namaste...oder besser supra rati (Gute Nacht)
eure Rebecca